IT in Indien – 10 Tipps für eine effiziente virtuelle Kommunikation

Ein Exportschlager Indiens sind IT-Programme. Hier findet wieder ein Klassiker der Wirtschaftsgeschichte statt. Viele Unternehmen in Deutschland (und anderswo in der westlichen Welt), lassen in Indien programmieren. Die Inder haben längst diesen Markt erkannt und Zentren der IT geschaffen, z.B. Bangalore. Die Deutschen kommen billiger an ihre Programme und die Inder haben für indische Verhältnisse gut bezahlte Jobs. Aber leider geht die Rechnung nicht immer auf.

Es ist natürlich leicht zu vermitteln, dass die Unterschiede zwischen Deutschland und Indien groß sind. Interkulturelle Trainings Indien gehören zu unseren meistgebuchten Angeboten. Hier aber schon einmal ein paar Hinweise, die zunächst weiterhelfen können.

Sprache als Standortvorteil

Ein Standortvorteil ist, dass Englisch in Indien eine Amtssprache ist. Als ehemalige britische Kolonie profitieren die Inder von diesem Erbe. Oft mag der durchschnittliche Deutsche davon ausgehen, dass jeder Inder auch Englisch spricht. Mitnichten.

Babylonische Zustände

Zunächst einmal muss man festhalten, dass Indien kein homogenes Land ist. Tatsächlich gibt es 21 offizielle Sprachen in Indien (2 weniger als in der EU), und nicht einmal die Hälfte der Inder bezeichnen Hindi, die Sprache die man am ehesten mit Indien verbindet, als ihre Muttersprache. Oft ist es so, dass sich Inder, die aus unterschiedlichen Regionen kommen, sich auf Englisch verständigen müssen.

Englisch als Amts- und Fremdsprache

Gut ausgebildete Inder sprechen in der Regel natürlich Englisch. Aber für die moderne Generation ist Englisch genauso eine Fremdsprache wie beispielsweise Deutsch. Entsprechend variieren die Englischkenntnisse, auch unter IT-Experten.

Kommunikationsmuster

Gleichzeitig kommunizieren Inder indirekt, die Deutschen hingegen sehr direkt. Dies kann viele Ausprägungen haben, wie z.B.:

  • „Nein“ zu sagen ist in Indien unhöflich, und unhöflich möchte man zu seinen Auftraggebern natürlich nicht sein. Also verklausuliert man es so, dass die Deutschen kaum eine Chance haben zu erkennen, dass etwas nicht funktioniert.
  • Kritik wird oft persönlich genommen. Während die Deutschen Meister der Kritik an einer Sache sind, wird in Indien sachliche Kritik oft auch auf die Person bezogen.
  • Feedback, gerade, wenn es sich um negative Dinge handelt, wird in der Regel nicht gegeben. In Deutschland wird es erwartet.
  • Eine virtuelle Kommunikation abstrahiert das persönliche Verhältnis zusätzlich. Man kann ja nicht nach Indien fahren, und dem Programmierer ständig über die Schulter schauen. Von daher bleibt auch die Arbeitsbeziehung abstrakt. Damit können wir Deutschen in der Regel gut umgehen. In Indien hingegen ist es wichtig, eine Beziehung aufzubauen.

8 Tipps, die weiterhelfen

  1. Nichts als gegeben annehmen

Stellen Sie sicher, dass Aufträge richtig verstanden wurden. Lassen Sie noch einmal wiederholen, worin der Auftrag besteht. Achten Sie dabei auf wesentliche Details

  1. Streben Sie persönlichen Kontakt an

Ha, ha, mögen Sie in diesen Zeiten denken. Gerade ist es etwas ungünstig, sich in Indien oder Deutschland zu treffen. Egal, irgendwann wird die Corona-Pandemie vorbei sein. In der Zwischenzeit bleibt nichts anderes, als Videokonferenzen und Telefonate. Machen Sie davon reichlich Gebrauch. Merke: „Meet. If you can´t meet, call. If you can´t call, write an E-Mail“. In genau dieser Reihenfolge.

  1. Holen Sie Feedback ein

Verlassen Sie sich nicht darauf, dass alles gut läuft, wenn sich keiner meldet. In Deutschland ist Feedback die Bringschuld des Mitarbeiters, in Indien die Holschuld des Vorgesetzten! Je öfter Sie sich melden (natürlich ohne den Leuten auf den Wecker zu gehen), desto besser stehen ihre Chancen herauszufinden, ob alles so ist, wie es sein sollte – oder eben nicht. Garnieren Sie dabei ihre Nachfragen auch mit persönlichen Dingen (in Deutschland unüblich, in Indien üblich), das verbessert die Beziehungen. Themen: Familie, Wetter, Sport etc.

  1. Seien Sie hellhörig – Teil 1

Wenn es mit dem Feedback Probleme gibt und ihre Geschäftspartner ein „Nein“ oder „Geht nicht“ nicht explizit ausdrücken, sollten Sie auch bei scheinbar positiven Antworten:

  • „We will see how we can solve that“
  • „We will do our best“
  • „If possible, we will do it for sure“
  • „No problem“
  • „We will try“

Das fatale ist: Das kann alles durchaus stimmen! Aber wenn es sich nicht um eine eingespielte Partnerschaft handelt, bei der sich die Beteiligten gut kennen, sollten man lieber mehr Fragen stellen als weniger.

  1. Seien Sie hellhörig – Teil 2

Wenn ein „Nein“ nicht zur Sprache kommt, wird es anders ausgedrückt. Hinweise darauf finden sich in Reaktionen wie z. B.:

  • Der Gesprächspartner sagt nichts
  • Der Gesprächspartner wechselt abrupt das Themac
  • Er lenkt ab: „Have you visited our new plant in Bangalore yet?“
  • Er verschiebt: „That is an interesting thought. We can discuss it later.“
  • Er verweist: „Mr. Sharma of F&E is already working on that idea.“

In diesen Fällen sollte man das strittige Thema bei der nächsten passenden Gelegenheit wieder aufnehmen oder auch gleich Fragen stellen.

  1. Fragen Sie – offen

„Der, die, das – Wer, wie, was – Wieso weshalb warum? -Wer nicht fragt bleibt dumm. 1000 Tolle Sachen die gibt es überall zu sehen. Manchmal muss man fragen um sie zu verstehen.“ Das Titellied der Sesamstraße hat auch hier in der Erwachsenenwelt seine Gültigkeit. Stellen Sie Fragen, aber offene Fragen. Bei geschlossenen Fragen wird die Antwort in der Regel immer „Ja“ lauten. Das bringt sie nicht weiter.

  1. Kritik – ja nicht direkt

Wenn alles prima läuft ist es gut. Aber was, wenn nicht? Was, wenn jemand einen Fehler macht? Deutsche sind meist Profis darin, Schuldige auszumachen und diesen dann auch ihre Meinung zu sagen. Dies sorgt in Indien für Verstimmung und behindert das Arbeitsverhältnis. Wenn etwas nicht klappt sollten Sie folgende Regeln beherzigen:

  • Kritik immer nur unter 4 Augen aussprechen
  • In die Zukunft schauen, anstatt in der Vergangenheit zu wühlen
  • Keine scharfen Worte wählen: „Hier gibt es in der Zukunft noch Verbesserungspotential“ klingt besser als „Hier haben Sie versagt, das darf nicht mehr passieren!“ (Der indische Partner weiß schließlich selbst, das er etwas schlecht gemacht hat)
  1. Dringlichkeit vermitteln

Es herrscht ein anderes Zeitverständnis zwischen Deutschland und Indien. Es ist nicht selten, dass die Dringlichkeit von Aufgaben unterschiedlich eingeschätzt wird. Kommunizieren Sie Dringlichkeit durch häufige Kommunikation. Beispiel: Rufen Sie an, senden Sie eine E-Mail und rufen Sie noch mal an, ob der Adressat die E-Mail auch bekommen hat. Erkundigen Sie sich häufig nach den Fortschritten ihres Projekts.

  1. Sorgen Sie für Kontinuität (wenn möglich)

Haben Sie Partner gefunden, mit denen Sie gut zusammen arbeiten können, sollten Sie alles daransetzen, weiterhin mit diesen Partnern zu arbeiten. Nicht selten werden Programmierer für andere Projekte abgezogen und durch neue Leute ersetzt, mit denen Sie wieder von vorne anfangen müssen. Dies ist auch in Deutschland nicht gut, kann sich hier aber noch fataler auswirken.

  1. Zeit als Erfolgsfaktor

Wenn Sie diese Tipps beherzigen werden Sie feststellen, dass sie Zeit benötigen. Wenn Sie diese, aus welchen Gründen auch immer, nicht haben oder nicht investieren wollen, sollten Sie in Deutschland programmieren lassen. Zu deutschen Preisen. Sicher kommt es vor, dass Projekte auf Anhieb klappen. Dies scheint jedoch, wie man aus unseren Anfragen erkennen kann, nicht die Regel zu sein.  Wägen Sie also ab, inwieweit die Faktoren Zeit, Qualität und Geld zusammen spielen. Bedenken Sie auch, dass eine Programmierung in Deutschland keine Qualitätsgarantie ist, nur weil es teurer ist und man leichter kommunizieren kann.

Eine Investition, die Zeit und Geld spart

Diese Tipps können erst einmal weiterhelfen. Allerdings gibt es noch viel mehr zu sagen und zu verstehen, damit eine wirklich fruchtvolle Zusammenarbeit zustande kommt. Schließlich ist es auch wichtig, dass ihre indischen Partner Sie verstehen. Einer unserer Kunden war mit der Strategie, den deutschen Mitarbeitern ein interkulturelles Training Indien und den indischen Partnern ein interkulturelles Training Deutschland anzubieten, sehr erfolgreich – zumindest solange beide Teams zusammengearbeitet haben (s. Tipp 9).

Ein interkulturelles Training Indien ist also eine sinnvolle Investition, die vor falschen Erwartungen schützt und im Nachhinein viel Geld und Zeit sparen kann.

By | 2021-04-04T15:23:42+00:00 21. 03. 2021|Global Cultures|

About the Author:

Rainer Beekes ist interkultureller Experte aus der wirtschaftlichen Praxis. Während seiner Unternehmenslaufbahn war er über 25 Jahre für multinationale Konzerne wie z.B. Volkswagen Financial Services, American Express, GMAC oder Société Générale in 5 Ländern in Linien- und Führungspositionen tätig. Der studierte Betriebswirt und Master of International Management (MIM) leitet Global Cultures – Akademie für interkulturelles Management, für die über 200 Experten zu 112 Ländern und Regionen weltweit tätig sind. | Linkedin | Xing | Google+ | Twitter | youtube | RSS |