Führung und Gesundheit in Corona-Zeiten und danach: 10 Tipps aus der Praxis

Gute Führung statt teure Fitness-Abonements und Yoga am Arbeitsplatz

Unternehmen investieren Millionen von Euro in Gesundheitsangebote für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Die meisten Bekannten von mir, die bei größeren Unternehmen tätig sind, erhalten Abonnements von ihren Unternehmen für Fitness-Studios, nehmen sie allerdings selten in Anspruch – Was nichts kostet, hat keinen Wert😊. Fast in jedem Unternehmen finden Achtsamkeits- und Yoga-Kurse statt, mit dem gleichen Erfolg

Trotzdem steigen die Zahlen von Burnouts und stressbedingten Krankheitstagen. Laut Ärzteblatt fühlen sich die Hälfte aller Arbeitnehmer von Burn-Out bedroht und die Krankheitstage aufgrund von psychischen Gründen hat sich laut proactiva BKK im letzten Jahrzehnt verdreifacht. Warum ist der Return on Investment so schlecht? Und was können Führungskräfte dazu beitragen, dass Mitarbeiter gesund und motiviert arbeiten?

Eine einfache Grundlage hierfür bietet das SCARF-Modell von David Rock. Es ist einfach zu verstehen, die Umsetzung hingegen ist nicht trivial, sondern erfordert mitunter eine nicht unbedeutende Verhaltensänderung oder gar die Aufgabe von oder Umformulierung von Glaubenssätzen. Wofür steht SCARF?

S – Status

C – Certainty (Sicherheit, Vorhersehbarkeit der Zukunft)

A – Autonomy (Unabhängigkeit, Möglichkeit der Mitgestaltung)

R – Relatedness (Verbundenheit, Beziehungen zu anderen)

F– Fairness

Werden diese Grundbedürfnisse positiv erfüllt, können Menschen kooperativ und vertrauensvoll miteinander arbeiten.

Daher hier 10 Tipps, die helfen, diese Ziele zu erreichen.

Gesunde Führung – 10 Tipps aus der Praxis

1. Management by Walking Around – Intensive Kommunikation täglich mit jedem Mitarbeiter

Führungskraft zu sein bedeutet nicht nur einen Firmenwagen zu haben und an Führungskreisen teil zu nehmen, sondern in erster Linie eine sehr intensive tägliche Kommunikation mit allen Mitarbeitern. Viele Führungskräfte nehmen ihre Rechte sehr gerne wahr, aber ihre Pflichten eher seltener.

2. Mitarbeiter brauchen Transparenz

Gedacht ist nicht gesagt, und gesagt ist noch nicht verstanden. Wenn ein Mitarbeiter nicht versteht, was die Führungskraft genau meint und will, und eine hierarchische Unternehmenskultur es nicht erlaubt, viele Fragen zu stellen und auf Augenhöhe zu kommunizieren, versetzt das Mitarbeiter in Stress. Man versucht, sich „durchzuwurschteln“ und zu erraten, was der Vorgesetzte will.

Kommunizieren Sie ihre Aufgaben klar und eindeutig. Versetzen Sie sich in die Lage von ihren Mitarbeitern – wäre Ihnen dann klar, was von Ihnen gewollt ist?

3. Agiles Arbeiten – Kommunikation auf Augenhöhe

Bei vielen Unternehmen ist Agilität ein Unternehmenswert. Leider bleibt die Agilität viel zu oft als Wert auf dem Flipchart der letzten Strategiekonferenz. Mitarbeiter trauen sich nicht, Fragen zu stellen, oder etwas zu sagen, was eine mögliche Inkompetenz zeigt der der Chef nicht hören will.

Außerdem sind manche Führungskräfte fühlen sich leicht genervt, wenn ein Mitarbeiter viele Verständigungsfragen stellt, weil es natürlich Zeit kostet, intensiv mit Mitarbeitern zu kommunizieren. Allerdings bedeutet Agilität Kommunikation auf Augenhöhe daher

Schaffen Sie eine Atmosphäre des Vertrauens – Mitarbeiter sollen in der Lage sein, Ihnen alle Fragen zu stellen, ohne Angst zu haben

4. Klare Rollen und Verantwortlichkeiten schaffen

„Einigt Euch selbst“ ist eine häufige Aussagen von Führungskräften. Bei manche komplexen Aufgaben oder Interessenskonflikten ist dies aber nicht zuträglich. Daher sollen Führungskräfte proaktiv Transparenz in Rollen und Verantwortlichkeiten in ihren Teams und Abteilungen schaffen.

Wenn Mitarbeiter bei bestimmten Aufgaben und Projekten Selbstorganisation nicht umsetzen können, bedeutet das meist keine Inkompetenz der Mitarbeiter, sondern vielleicht eine Scheu vor Komplexität oder Angst vor neuen Aufgaben.

Neue Aufgaben und Entwicklung neuer Kompetenzen verlangen nicht nur motivierende Worte einer Führungskraft, sondern auch Know-How-Vermittlung. Dies soll Führungskräften bewusst sein, damit sie ihre Mitarbeiter bei der Entwicklung dieses Know-Hows aktiv unterstützen können. Sonst geht die Effizienz im Stress unter.

Unterstützen Sie Ihre Mitarbeiter, schaffen sie klare Verantwortlichkeiten.

5. Micromanagement Ade – Strategie im Fokus

Kennen Sie das auch? Ihre Führungskraft mischt sich in alles ein und will sogar eine Zahl hinter einem Komma kontrollieren? Dabei bleiben strategische Aufgaben wie beispielsweise die Umsetzung von Effizienzprogrammen, Digitalisierung oder Vertriebsstrategien auf der Strecke.

Konzentrieren Sie sich auf die Strategie und lassen Sie ihre Mitarbeiter ihren Job erledigen.

6- Besprechungen kurz halten – dann können Mitarbeiter rechtzeitig Feierabend machen

Senden sie Unterlagen vorab, damit jeder die Chance hat, wohl vorbereitet in die Besprechung zu starten.

Verzichten Sie auf eine perfekte Formatierung bei internen Besprechungen. Natürlich muss eine Präsentation für Kunden state-of-the-art sein, intern steht Schnelligkeit und Funktionalität im Vordergrund. Denn jede Stunde, die für eine Super-Formatierung verwendet wird, fehlt für wichtigere Aufgaben.

Begrenzen sie die einzelnen Diskussionsbeiträge zeitlich. Wortreiche Darstellungen mögen im Deutschunterricht Punkte bringen, aber im Geschäftsleben stehlen sie einfach nur Zeit.

Ein weiterer guter Tipp: Schulen sie ihre Mitarbeiter in der Kunst der Elevator Speech, um Dinge auf den Punkt zu bringen.

7. Entscheidungen treffen und nicht hoffen, dass sich von sich selbst alles löst

Untersuchungen von Allensbach haben gezeigt, dass gerade das Treffen von Entscheidungen für Mitarbeiter bei den Erwartungen an Vorgesetzte an erster Stelle steht. Dies macht Führung aus. Aber Entscheidungen können auch falsch sein. Daher sitzen viele Führungskräfte lieber das Problem aus, anstatt das Risiko einer Fehlentscheidung einzugehen. Schließlich müssen Führungskräfte auch an sich selbst denken. Und wer nichts tut, macht keine Fehler. Wer keine Fehler macht, wird befördert. Hier spielt natürlich die Unternehmenskultur auch eine große Rolle. Mitarbeiter „lernen“ hingegen, dass es sinnlos ist, gute Vorschläge zu machen. Das führt zu Frustration und letztlich zu Fluktuation. Im Zeitalter von Fachkräftemangel kein gutes Zeichen.

8. Feedback regelmäßig geben, und nicht nur 1 Mal im Jahr

Feedback geben hört sich leicht an, ist es aber oft nicht, weil der Betreffende nicht weiß, wie er am besten vorgehen soll. Daher hier noch einmal die wichtigsten Feedbackschritte:

  • Schritt 1: Konkrete Beobachtung – ich habe beobachtet, dass…
  • Sachverhalt schildern, Fakten benennen, aber keine Bewertung oder Interpretation
  • Schritt 2: Persönliche Bewertung – ich finde nicht gut…, es hat mich irritiert, dass…                                                                                      Auch wenn wir es früher anders gelernt haben: Ich-Botschaften aus der Rolle des Vorgesetzten vermitteln mit einer Begründung ohne Bewertung des Anderen
  • Schritt 3: Nachvollziehbarkeit des Erlebten (Optional, situativ)
  • Schritt 4: Blick in die Zukunft                                                                                                                                                                                        Erwartungen, Ziele, Konsequenzen, Wünsche aussprechen. Wichtig: Realistische Dinge, die umsetzbar sind

Dies funktioniert auch mit Lob! Dann ist es natürlich viel einfacher. Bei einem kritischen Feedback sollten Sie weiterhin folgendes beachten:

  • Die Sachverhalte müssen unstrittig sein!
  • Kein Streit
  • Klare Position beziehen
  • Man muss keine Diskussion anfangen, man kann es so stehen lassen

Wichtig: Passender Ort und Zeit

9. Kommunikation so persönlich wie möglich gestalten

Ein asiatisches Sprichwort besagt „ Never write, when you can call. Never call when you can meet“. Worte und schriftliche Aussagen sin gut, aber sie können auch unterschiedlich interpretiert werden. Zudem ist es nicht möglich oder nur sehr umständlich (durch mehrere Dutzend Mails beispielsweise), unklare Aspekte zu klären. Daher greifen Sie öfter zum Telefon, oder noch besser – machen Sie einen Videoanruf, wenn Sie aus dem Home Office arbeiten. Diese Vorgehensweise hat sich in unserem Unternehmen stets bewährt. Dadurch steigt die Effizienz der Kommunikation deutlich. Sicher, nichts ersetzt ein persönliches Treffen, aber in diesen Zeiten müssen wir eben alle das Beste daraus machen. Letztlich stärken sie damit auch ihre eigene Glaubwürdigkeit.

10. Gute Kommunikation zahlt sich langfristig aus

Effiziente Kommunikation und Unterstützung der Mitarbeiter in schwierigen Zeiten zahlt sich vor allem nach einer Krise aus. Unpersönliche Botschaften oder gar Funkstille verprellen Mitarbeiter. Und es ist heute ja so einfach, sich zurückzuziehen. Home Office mag für manche eine tolle Lösung sein, für andere hingegen eine willkommene Gelegenheit, drei Gänge zurückzuschalten. Dann werden motivierte Mitarbeiter möglicherweise Ihr Unternehmen nach der Krise verlassen. Und wie zu allen Zeiten gilt: Es sind immer die Besten, die zuerst eine neue Stelle finden.

By | 2021-02-27T15:54:18+00:00 15. 02. 2021|Global Cultures|

About the Author:

Rainer Beekes ist interkultureller Experte aus der wirtschaftlichen Praxis. Während seiner Unternehmenslaufbahn war er über 25 Jahre für multinationale Konzerne wie z.B. Volkswagen Financial Services, American Express, GMAC oder Société Générale in 5 Ländern in Linien- und Führungspositionen tätig. Der studierte Betriebswirt und Master of International Management (MIM) leitet Global Cultures – Akademie für interkulturelles Management, für die über 200 Experten zu 112 Ländern und Regionen weltweit tätig sind. | Linkedin | Xing | Google+ | Twitter | youtube | RSS |