Interkulturelle Kompetenz Indien – Polychronie

Interkulturelle Kompetenz Indien – Polychronie

Ein Land der Gegensätze

Indien – das Land der Tiger, des Taj Mahal, der heiligen Kühe, des Mahatma Gandhi und furchteinflößender geheimnisvoller Sekten. Aber auch der Call Center und einer blühenden IT-Industrie. Das Indien-Bild in Deutschland wird von vielen unterschiedlichen Stereotypen geprägt. Ein großes Land mit vielen Gegensätzen. Prachtvoll residierende Maharadschas und bittere Armut. Britische Kolonie und größte Demokratie der Welt. Alle Inder sind potenzielle IT-Wunderknaben (in etwa so, wie alle sowjetischen Schriftsteller potentielle Nobelpreiskandidaten waren, meist diejenigen, die gegen das Regime schrieben).

Stereotype sind nur die halbe Wahrheit

Alles stimmt – und stimmt auch wieder nicht. Natürlich haben Stereotype ihren Ursprung in typischen Verhaltensweisen oder persönlichen Erfahrungen. Aber deshalb müssen sie weder allgemeingültig sein, noch so stimmen, wie sie weitergegeben werden. Gerade Stereotype werden auf Basis der eigenen Kultur kreiert! Ein Beispiel: Wer Loriot kennt (und wer tut das in Deutschland nicht?) oder die Comedy-Szene beobachtet, wird kaum sagen, dass die Deutschen humorlos wären. Genauso erscheinen wir jedoch vielen anderen Kulturen!

Zeit ist nicht gleich Zeit

Will man die Unterschiede zwischen Deutschland und Indien erfassen, ist es schon erforderlich, etwas differenzierter vorzugehen. Ein beliebtes und gutes Mittel sind Kulturdimensionen, wie sie z.B. Fons Trompenaars formuliert hat. Eine davon betrifft das Zeitverständnis. Kulturen werden demnach in monochrone und polychrone Kulturen klassifiziert. Die erste Assoziation hier ist die Pünktlichkeit, und die gehört auch dazu. Aber darüber hinaus geht es auch darum, wie Kulturen mit der Zukunft umgehen, wie Aufgaben erledigt werden oder ob die Aufgabe oder die Mitmenschen im Fokus stehen. Wie immer geht es hier um kulturelle Tendenzen, denn nicht alle Angehörigen einer Kultur verhalten sich gleich. Den Deutschen wird allgemein Pünktlichkeit nachgesagt, während dieser Aspekt in Indien eine ganz andere Bedeutung hat. Dennoch gibt es pünktliche Inder und unpünktliche Deutsche im deutschen, also monochronen, Sinne. Hier muss man gleich klarstellen, dass man sich der Herausforderung stellen muss, wertfrei zu urteilen. Das ist nicht so ganz einfach, wenn man als Deutscher von Kindesbeinen an beigebracht bekommen hat, dass Pünktlichkeit und Termintreue sehr wichtige Werte sind. Wenn es in einer Kultur üblich ist, sich 3 Stunden nach dem vereinbarten Termin zu treffen, wird ein Angehöriger dieser Kultur sicher nicht behaupten, man sei unpünktlich, wenn man bereits 2 Stunden vorher eintrifft. Ich brauche sicher nicht zu erklären, welchen Eindruck dies in Deutschland machen würde. Also – alles ist relativ. Trifft man in Deutschland auf unpünktliche Menschen, werden diese sehr schnell als unzuverlässig und damit negativ qualifiziert. Hier wird nochmals deutlich: Deutschland ist tendenziell eine monochrone Kultur. Im Kontrast dazu ist Indien als tendenziell polychron einzustufen.

Termine, Termine…gar nicht so einfach

Wie immer lassen sich solche Unterschiede am besten anhand von Beispielen erklären. Im Februar dieses Jahres traf ich einen alten Freund zufällig wieder. Wir tauschten Adressen aus und verabredeten, uns im Mai zu treffen. Das war der erste Termin, der beiden Parteien passte. Vor etwa einer Woche traf ich Vorbereitungen, einen indischen Freund am Wochenende zu treffen. Die Verabredung wurde wie folgt ganz modern per App arrangiert. Hier die Auszüge aus der Korrespondenz:
Ich:
„…best would be Sunday at around 3 p.m. for late lunch.“
Freund:
12.38 h „Hi. Just arrived back from US“
12.38 h „No problem. I understand.“
12.38 h „You mean this sunday?“
Ich:
12.41 h „Yes, can you confirm, we have to buy food.“
Freund:
13.17 h „Give me a few hours“
13.18 h „I don´t find the party on the website“
Ich:
17.47 h „It is not through the website. At our location. We need to know today if you can come.
Freund:
17.50 h „Even if I come on Sunday, please don´t worry about food, absolutely don´t. Had too much to eat and drink in US. Stomach needs a lot of rest.
17.51 h „Even 3 pieces of bread and butter would do, trust me.“
17.51 h „And nothing to drink.“
17.51 h „I´m just checking train schedules to Brussels…will confirm in some time.“
17.52 h „Because I might leave for Brussels on Sunday evening.“
Ich:
17.53 h „Let´s then cancel Sunday. Please send other dates best one week beforehand.“
Freund:
19.37 h „I will take either 7pm-train or go on Monday morning. We can do Sunday if you want.“

Ich:
Next day, 12.00 h „Then please come tomorrow at 5 p.m.. You can take a train from the main railway station. Please confirm 100 percent, so we can plan our other arrangements.“
Freund:
13.01 h „Hi. Just woke up. Let´s confirm next Sunday. 100 % 5 p.m. may be a little late if I take the 7 p.m. train and my stomach is a little cranky. Next Sunday, I will be in better shape. So xxx (Sunday after the Sunday we spoke about), confirmed.“
Ich:
13.02 h „On xxx we are not home, but in Munich“
Freund:
13.02 h „23rd?“
Ich:
13.02 h „We are not home 22nd-24th.“
Freund:
13.03 h „Hmmm…“
13.03 h „Let me think“
13.06 h „Then we will meet tomorrow, but keep it normal…I´ll just eat what you normally cook…don´t make anything special.“
Ich:
13.39 h „Ok, tomorrow then at 5 p.m. I can pick you up from the train station.“
Freund:
16.03 h „Sorry…I again went off to sleep…the jetlag.“
16.04 h „Will check the train schedule and let you know.“
Ich:
18.23 h „OK.“

Freund:
Next day, 16.45 h „My train will arrive at 5.11.“
16.45 h „At xxx railway station.“
16.46 h „Hope that is the correct station.“
Ich:
16.47 h „Yes, that ist he correct station. We will pick you up.“

Und noch ein interkultureller Faux-pas

Ein beeindruckender Prozess. Schließlich kam das Treffen tatsächlich zustande. Und natürlich hatten wir ihm etwas zu essen gemacht. Allerdings leider mit etwas mit Rindfleisch. Wir hatten nicht beachtet, dass Hindus dies nicht essen, sondern einfach eine Portion unseres Mittagessens aufgehoben, ganz wie er es gesagt hatte.
Hier sind deutlich die Fallstricke zu erkennen, die monochrones und polychrones Verhalten auslösen können, wenn sie aufeinander treffen.
Es wird auch deutlich und durch viele unserer Kunden bestätigt: Es kann sehr mühsam für Deutsche sein, in Indien zurecht zu kommen. Damit Ihnen dies leichter fällt, bereiten wie Sie professionell vor.
Mehr erfahren Sie unter:
Interkulturelles Training Indien

By | 2016-10-19T08:24:42+00:00 28. 04. 2016|Interkulturelles Training Indien|

About the Author:

Rainer Beekes ist interkultureller Experte aus der wirtschaftlichen Praxis. Während seiner Unternehmenslaufbahn war er über 25 Jahre für multinationale Konzerne wie z.B. Volkswagen Financial Services, American Express, GMAC oder Société Générale in 5 Ländern in Linien- und Führungspositionen tätig. Der studierte Betriebswirt und Master of International Management (MIM) leitet Global Cultures – Akademie für interkulturelles Management, für die über 200 Experten zu 112 Ländern und Regionen weltweit tätig sind. | Linkedin | Xing | Google+ | Twitter | youtube | RSS |
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