Warum Sie in China rauchen müssen, auch als Nichtraucher

Warum eine abgelehnte Zigarette in China Ihr Geschäft gefährden kann: und wie Sie richtig reagieren

Im Video oben haben wir Ihnen die Zahlen zum Rauchen in China gezeigt, vom Anteil der Raucher bis zu den Milliarden, die der Staat daran verdient. In diesem Beitrag gehen wir der Frage nach, warum ausgerechnet dieses Thema für Geschäftsreisende so heikel ist, und was tatsächlich dahintersteckt, wenn Ihnen in China eine Zigarette angeboten wird.

Denn eine Zigarette ist in diesem Kontext selten nur eine Zigarette.

Zwischen Volksgesundheit und Staatskasse

Wie im Video erwähnt, rauchen in China schätzungsweise 23 Prozent der Menschen ab 15 Jahren, mit einem deutlichen Gefälle zwischen Stadt und Land. In Metropolen wie Peking und Shanghai gelten strenge Rauchverbote, die tatsächlich durchgesetzt werden. In den Provinzen und auf dem Land sieht das anders aus: Dort wird kaum kontrolliert, und Rauchen gehört noch selbstverständlich zum Alltag.

Auffällig ist auch das Geschlechtergefälle. Rund 44 Prozent der chinesischen Männer rauchen, aber nur etwa 2 Prozent der Frauen. Rauchen ist in China also weit stärker eine männliche Angelegenheit als in Deutschland, und das hat, wie wir weiter unten zeigen, direkte Folgen für Ihr Verhalten als Geschäftsreisender.

Der eigentliche Widerspruch liegt aber woanders. Man würde erwarten, dass eine Regierung angesichts von geschätzt 1 bis 2 Millionen Toten pro Jahr durch aktives und passives Rauchen entschieden gegensteuert. Das passiert bislang nur zögerlich, und der Grund dafür ist simpel: Der Staat verdient prächtig mit.

Das gilt nicht überall gleich stark. In einigen Binnenprovinzen, allen voran Yunnan im Südwesten, ist der Tabakanbau seit Jahrzehnten eine der wichtigsten Einnahmequellen der lokalen Wirtschaft. Ganze Landkreise leben vom Anbau und der Weiterverarbeitung, und die entsprechende Provinzregierung hat wenig Interesse daran, sich selbst die Grundlage zu entziehen. Das nationale Spannungsfeld zwischen Gesundheit und Budget wiederholt sich also auf lokaler Ebene, nur mit umgekehrten Vorzeichen: Hier hängt nicht nur der Staatshaushalt, sondern die Existenz ganzer Regionen am Tabak.

Kernkonzept: 人情 (rénqíng), die Zigarette als soziale Währung

Um zu verstehen, warum das Ablehnen einer Zigarette in China ein echtes Risiko sein kann, hilft ein Konzept aus der chinesischen Beziehungskultur: rénqíng (人情), wörtlich „menschliches Gefühl“, meist übersetzt als soziale Gefälligkeit oder Gunst.

Rénqíng beschreibt eine unausgesprochene Verpflichtung zur Gegenseitigkeit. Wer eine Gefälligkeit annimmt, und sei sie noch so klein, steht in der Schuld des Gebers. Diese Schuld wird nicht sofort beglichen, oft nicht einmal in Geld, sondern fließt in eine langfristige Beziehung ein. Das unterscheidet rénqíng von einem westlichen Geschäftsessen: Es gibt keine Rechnung und keinen festen Zeitpunkt der Rückzahlung, nur die stille Erwartung, dass man sich revanchiert, wenn die Gelegenheit kommt.

Eine angebotene Zigarette ist ein winziges, aber wirkungsvolles Beispiel für rénqíng in Aktion. Sie kostet fast nichts, eröffnet aber sofort eine Beziehung: Der Gebende zeigt Respekt und Gastfreundschaft, der Nehmende signalisiert, dass er dieses Angebot annimmt und die Beziehung will. Lehnt man ab, unterbricht man dieses kleine Ritual, noch bevor es beginnen konnte.

Ganz ähnlich funktioniert das bekannte Ringen um die Restaurantrechnung, das viele Chinareisende schon erlebt haben. Auch dort geht es nicht wirklich darum, wer am Ende zahlt, sondern darum, wer die Geste des Gebens übernehmen darf. Wer sich diesem Ringen entzieht, indem er einfach zustimmt und zahlen lässt, verpasst damit ausgerechnet die kleine Gegenseitigkeitsschleife, die eine Geschäftsbeziehung in China überhaupt erst trägt. Die Zigarette ist im Grunde dieselbe Geste, nur kleiner und alltäglicher.

Warum der Staat nicht durchgreift

Ein zweiter Baustein erklärt, warum China trotz der bekannten Gesundheitsrisiken kaum gegensteuert. Der chinesische Zigarettenmarkt wird von einem einzigen Konzern dominiert, der China National Tobacco Corporation, mit rund 40 Prozent Anteil am weltweiten Zigarettenausstoß und etwa 95 Prozent Marktanteil im eigenen Land. Diese Zahlen stammen aus dem Video, der eigentliche Knackpunkt liegt aber in der Struktur dahinter.

Der Konzern gehört dem Staat, und die Behörde, die eigentlich für Tabakkontrolle zuständig wäre, die State Tobacco Monopoly Administration, ist nach übereinstimmenden Berichten praktisch dieselbe Organisation unter einem anderen Namen. Wer die Zigaretten verkauft, entscheidet also faktisch auch über die Regeln dagegen. China hat das internationale Tabakkontroll-Abkommen der WHO 2005 unterzeichnet, seit Januar 2006 ist es dort in Kraft, doch mit einer derartigen Doppelrolle bleibt Umsetzung zwangsläufig zurückhaltend.

Diese Doppelrolle ist kein Zufall, sondern historisch gewachsen. 1981 richtete der chinesische Staatsrat das staatliche Tabakmonopol ein, ein Jahr später entstand daraus die China National Tobacco Corporation, die seither zahlreiche regionale Hersteller unter einem Dach vereint. Aufsicht und Geschäft wurden von Anfang an in derselben Hand aufgebaut, nicht nachträglich verschmolzen. Das erklärt auch, warum eine Trennung, wie sie internationale Gesundheitsorganisationen seit Jahren fordern, in der Praxis so schwerfällt: Man müsste eine seit über vierzig Jahren gewachsene Struktur auseinandernehmen, die zugleich eine der verlässlichsten Einnahmequellen des Staates ist.

Warum Rauchen in China auch eine Frage von Status ist

Rauchen ist in China zudem enger mit sozialem Status verknüpft als in Deutschland. Eine teure Zigarettenmarke zu rauchen oder zu verschenken, ist ein sichtbares Zeichen von Wohlstand und Großzügigkeit, ähnlich wie eine teure Uhr oder ein gutes Auto. Gerade unter älteren Männern, oft in Führungspositionen, gehört das Rauchen zum gepflegten Auftreten dazu. Für Frauen gilt das kaum, Rauchen wird dort eher kritisch gesehen, was das große Geschlechtergefälle mit erklärt.

Dazu kommt eine kleine, aber vielsagende Geste, die in Deutschland kaum jemand kennt: das gegenseitige Anzünden der Zigarette. Wer einem anderen Feuer gibt, übernimmt für einen kurzen Moment eine fürsorgliche Rolle, ähnlich wie beim Nachschenken von Tee oder Bier am Tisch. Auch das ist wieder rénqíng in Miniaturform, eine kleine Geste, die Aufmerksamkeit und Respekt signalisiert, ohne ein Wort dafür zu brauchen.

Die Beispiele aus dem Video, genauer betrachtet

Im Video haben wir bereits die zentralen Zahlen genannt: die 23 Prozent Raucheranteil, das Gefälle zwischen 44 und 2 Prozent bei Männern und Frauen, die geschätzten 200 bis 250 Milliarden US-Dollar, die dem Staat jährlich zufließen, umgerechnet etwa 7 Prozent des chinesischen Staatshaushalts. Diese Summe macht deutlich, warum Gesundheitsschutz in China gegen ein wirtschaftliches Schwergewicht antreten muss, das kaum eine andere Regierung der Welt in dieser Form kennt.

Zwei Beispiele aus dem Video verdienen mehr Kontext. Das eine ist der große Vorsitzende Mao, der als Kettenraucher bekannt war und dessen Bild bis heute in China omnipräsent ist, in Portraits, auf Geldscheinen, in offiziellen Räumen. Für viele Chinesen ist er noch immer eine positive Referenzfigur, und sein Rauchen wird selten kritisch betrachtet, eher als Teil seiner Legende.

Das andere Beispiel ist der Verkaufsmanager aus dem Video, der als Ex-Raucher bei jeder Chinareise wieder rückfällig wurde, weil er die angebotenen Zigaretten nicht ablehnen wollte. Das ist keine Ausnahme. Viele deutsche Geschäftsreisende berichten von diesem Konflikt zwischen persönlicher Gesundheit und geschäftlicher Höflichkeit, gerade in der Provinz, wo das Ritual noch stärker gelebt wird als in den Großstädten.

Eine Ergänzung aus der Praxis, die im Video keinen Platz hatte: Als Frau werden Sie in China deutlich seltener eine Zigarette angeboten bekommen als Ihre männlichen Kollegen. Das nimmt Ihnen einen Teil des Dilemmas ab, kann aber auch bedeuten, dass Sie aus bestimmten informellen Gesprächsrunden, die sich um eine gemeinsame Zigarette bilden, etwas außen vor bleiben. Wenn Ihr männlicher Kollege während einer Verhandlungspause mit dem Gegenüber vor die Tür geht, um zu rauchen, findet dort oft ein informelles Gespräch statt, das später am offiziellen Tisch nicht wiederholt wird. Das ist keine böswillige Ausgrenzung, sondern schlicht ein Nebeneffekt eines Rituals, das an eine Zigarette gekoppelt ist.

Was das für Sie in der Praxis bedeutet

Lehnen Sie nie einfach nur ab. Ein knappes „Nein danke“ wirkt schnell unhöflich, fast wie eine Zurückweisung der ganzen Geste. Besser ist eine Begründung, die niemanden bloßstellt, etwa der Hinweis auf ärztlichen Rat oder eine gesundheitliche Einschränkung, die Ihr Gegenüber nachvollziehen kann, ohne dass jemand sein Gesicht verliert.

Nehmen Sie die Zigarette notfalls entgegen, ohne sie zu rauchen. Sie in der Hand zu halten, kurz zu würdigen und dann beiseitezulegen, reicht oft schon aus, um das Ritual zu respektieren, ohne dass Sie selbst rauchen müssen.

Bringen Sie eigene Gastgeschenke mit, wenn Sie selbst einladen. Eine hochwertige, aber nicht protzige Marke zeigt Wertschätzung und eröffnet Ihnen dieselbe rénqíng-Geste aus der eigenen Hand, ohne dass Sie sich als Nichtraucher in eine Ecke drängen müssen.

Beobachten Sie, wer die Zigarette anbietet, und in welchem Moment. Meist ist es ein ranghoher Gesprächspartner, und der genaue Zeitpunkt im Gespräch sagt oft mehr über den Stand der Beziehung als das Angebot selbst.

Sprechen Sie das Thema vorab mit lokalen Kollegen oder Beratern durch. Wer schon vorher weiß, wie er reagieren will, wirkt im entscheidenden Moment deutlich souveräner als jemand, der von der Situation überrascht wird und improvisieren muss.

Fazit

Eine angebotene Zigarette in China ist selten eine Frage von Nikotin. Sie ist ein kleines Stück gelebter Beziehungskultur, eingebettet in ein wirtschaftliches System, das dem Staat zu profitabel ist, um es ernsthaft zu bekämpfen, und in eine Provinzwirtschaft, die vom Tabak lebt. Wer beides versteht, das persönliche Ritual und die Zahlen und Strukturen dahinter, reagiert in der entscheidenden Situation nicht mehr überrascht, sondern vorbereitet.

Genau darin liegt der Unterschied zwischen einem Geschäftspartner, der China nur besucht, und einem, der dort tatsächlich ankommt.

Wenn Sie wissen möchten, wie wir Sie bei genau diesen Herausforderungen unterstützen können, dann senden Sie uns eine Nachricht. Wir unterstützen Sie gerne bei allen Belangen mit interkulturellen Geschäftsbeziehungen.

Bild von Ekaterina Beekes
Ekaterina Beekes

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